Ostersonntag am Lake Santeetlah – oder die Geschichte mit der Ostermaus

Alles fängt immer irgendwie an – diese Geschichte mit einem einfachen unscheinbaren Knistern. Es war ein schöner Tag, der mit einem Besuch im überaus interessanten und empfehlenswerten Cherokee-Museum begann und uns im Anschluss einen sonnigen Nachmittag am Lake Santeetlah beschert hat. Sogar unser Kanu konnten wir zum ersten Mal hier aufbauen und die Abendsonne auf dem See genießen. Selbstverständlich wurde auch noch lecker gekocht – zwar kein Osterlamm oder etwas dem Osterfest gebührendes – dafür aber eine frische Gemüsepfanne mit Couscous.

Aber nun zurück zum Knistern. Julia schläft neben mir tief und fest und auch ein klein wenig hörbar. Die Quelle jedoch für das Knistern ist sie nicht. Hab ich’s mir ja auch evtl. nur eingebildet – nein, da ist es wieder. Wahrscheinlich irgendein Flügelviech, was sich in den Beutel mit dem Brot verirrt hat.

Wieder! Lauter… Aus dem Schrank. Mist. Licht an – sofortige Ruhe. Ich schiebe meinen Kopf übers Kissen und die Holzkante, sodass ich den kompletten unteren Bereich einsehen kann.  Einige ruhige Minuten vergehen. Aber dann: Eine Maus! Selenruhig schaut sie hinter dem Küchenblock hervor, macht sich flink aus dem Staub und taucht nur Sekunden später auf der hinteren Sitzbank wieder auf. Von dort aus ist sie in Nullkommanichts im Brotbeutel verschwunden. Ein kleiner Wackler, ausgelöst durch meinen Kopf, der nun noch mehr erspähen will, lässt sie in Bruchteilen von einer Sekunde verschwinden. Und wieder herrscht Stille.

Julia wach zu bekommen war gar nicht so einfach, aber als sie wenig später mit eigenen Augen unseren flinken Mitbewohner sieht, ist an einschlafen auch nicht mehr zu denken. Ein Plan muss her… und er hat auf jeden Fall mit dem Brotbeutel zu tun. Wenn es mir nur gelingen würde, ihn blitzschnell mit einer Hand oben zuzudrücken, während Mausi sich den Bauch vollschlägt. Das Problem ist, er hängt zu weit hinten um ihn von oben zu erreichen. Und jedes Mal wenn ich versuche meine Hand langsam und geräuschlos Richtung Beutel zu schieben ist das clevere Kerlchen einfach einen Schritt schneller als ich. Sowas nervt! Echt! Und kurz nach Mitternacht erst recht. OK, zweite Runde.

Ich hänge bis zur Hüfte über unserem Hochbett herab, unten eingerollt wie ein Aal um die entsprechende „Jagdlänge“ zum Ergreifen der Tüte zu haben – Julia bildet oben das Gegengewicht auf meinen Oberschenkeln, damit ich nicht wie ein Stein in den Küchenblock einschlage. Warten! Weiter warten… Die Muskeln fangen an zu brennen, aber der kleine Nager – von seiner Gier geplagt– tappt gerade noch rechtzeitig in die Falle. Zap!!! Ich hab die Tüte fest in der Hand und mit ihr die Maus. Aber in dieser Lage kann ich sie unmöglich aus dem Karabiner ausklinken, in dem sie hängt. Meine zweite Hand stützt meinen Körper vorm abstürzen und Julia ist als Gegengewicht beschäftigt. Ohne hier weiter ins Detail zu gehen gelingt es uns letztendlich etwas artistisch die Situation aufzulösen.

Wenig später stehe ich in Unterwäsche mit einem Brotbeutel auf einer beleuchteten Bootsrampe (unserem halblegalen Schlafplatz) und lasse unseren Gefangenen frei. Zurück im Hochbett sinnieren wir noch eine Weile über das „Wie“ unser kleiner Freund überhaupt in den Bus gekommen sein mag. Aber egal welche abstruse Ideen wir konstruieren – eine wirklich valide Erklärung will sich einfach nicht finden lassen.

Kurz nach 01:00  kehrt wieder Ruhe ein. Julia schläft und ich bin kurz davor. Und dann: Ein unscheinbares Knistern. Unmöglich, denke ich noch – das bildest du dir nur ein, als das Knistern zum gut hörbaren Rascheln wird und nach wenigen Minuten „Licht an“ der Beweis erbracht ist, dass wir diese Nacht zu dritt im Bus verbringen werden – schlafend, sich ärgernd, nachdenkend oder nagend. Eben jeder auf seine Weise…..

Der nächste Morgen bringt neben einem zerfressenen Müllbeutel, angefressenem Brot und Augenringen auch Ratlosigkeit mit sich. Wie zum Teufel ist die Maus denn ein zweites Mal in den Bus gekommen – alle Fenster und Türen waren zu. Eine halbe Stunde später ist der Bus fast völlig ausgeräumt. Vom Nager natürlich keine Spur. Nun ja, eine kleine Inventur hat ja auch ihre Vorteile und zumindest ist der Bus jetzt um einiges ordentlicher als zuvor.

Die Maus hat sicher den Bus wieder verlassen, zumindest unsere Gedanken als wir noch einen Spaziergang am See unternehmen. Als wir zurücklaufen gehe ich nochmal kurz aufs Örtchen und Julia schon zum etwa 150m entfernt geparkten Bus. Seelig und mit Papier in der Hand lässt sich allerdings der Schrei und kurz darauf der Ausruf meines Namens niemanden anders zuordnen als Julia. Gut, also nichts mit einem entspannten Spatengang – meine Anwesenheit scheint gefragt.

Julia hält die Maus mit einem Stock im unteren Kanal der Schiebetür in Schach. Mr. Vielfraß möchte aber am liebsten diesen Kanal nach vorn durchqueren und ins für uns unerreichbare Sicherheitsversteck abtauchen. Nun, liebe Kinder, an dieser Stelle beginnt der Teil an dem es dieses Mal kein Happyend a la Tom und Cherry gibt.

Aber Leid hat er uns doch getan, unser kurzzeitiger Mitbewohner – wir wünschten er hätte seine erste Chance genutzt und hätte sich mit halbvollem Magen nicht noch einmal in unseren Bus gebeamt. Letztendlich liegt er nun am Lake Santeetlah begraben – im Schatten einer Kiefer und mit einem kleinen Kreuz aus einem Kiefernzapfenzweig.

Und die Moral von der Geschicht: Mensch und Maus verträgt sich nicht!

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